Gegen alle Regeln von Ariel Levy: Eine Buchempfehlung zum Thema Fehlgeburt.

Ich stehe in der Buchhandlung vor dem Regal für Lebenshilfe. In diesem Moment kommt mir einfach alles absurd vor: Dieses große Regal voller Selbsthilfebücher, Lebensgeschichten und Ratgeber, dem ich zuvor nie große Beachtung geschenkt habe, vor dem sich gefühlt nie jemand aufhält – erst recht nicht ich – und das einige Bücher beherbergt, deren Titel suggerieren, man könne mit ihrer Hilfe im Handumdrehen jedes erdenkliche Problem lösen. Die Verkäuferin, die umherschlendert und auf neue Kundschaft wartet, um ihr perfekt einstudiertes  und routiniertes „Kann ich Ihnen helfen?“ loszuwerden (In Anbetracht des Regals, vor dem wir uns gerade befinden, wirkt die Frage fast lustig). Dieses diffuse Gefühl, dass mich gerade alle im Buchladen Anwesenden beobachten und nur darauf warten, zu welchem vermeintlich esoterischen Buch ich wohl gleich greifen werde, um dann gemeinsam lautstark loszulachen.

Verdammt. Warum habe ich das Buch nicht einfach online bestellt?

Und als wolle sich das von mir auserkorene Buch in den Reigen meines Unwohlfühlens einklinken, strahlt es mir aus dem Regal in den Farben knallorange und pink entgegen. Wunderbar –  ein dezentes Buchcover sollte es wohl nicht sein. Obwohl das Buch meiner Wahl ein Roman ist und der Abteilung Lebenshilfe nicht auf den ersten Blick zuzuordnen ist,  gleicht meine Gesichtsfarbe beim Bezahlen an der Kasse dem pink auf dem Buchcover. Ich lasse das Buch in meinem Rucksack verschwinden, gehe vor die Tür und muss ein bisschen über mich selbst lachen. Ich frage mich:

Warum habe ich mich eben im Laden bloß so gefühlt, als würde ich etwas völlig Unanständiges tun? Und was ist eigentlich so verwerflich an Lebenshilfe? Dürfen wir uns öffentlich nicht eingestehen, dass es uns nicht gut geht und wir das alleine einfach nicht mehr auf die Reihe kriegen?

Irgendwie bin ich in diesem Moment vor dem Buchladen ein bisschen stolz auf mich. Ich habe einen ersten Schritt unternommen und nach Hilfe gesucht. Auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen kann, ob mir das Buch Gegen alle Regeln von Ariel Levy tatsächlich in irgendeiner Form helfen wird. Im Frühjahr 2018 hatte ich eine Fehlgeburt. Im vierten Monat hörte das Herz meines Kindes einfach auf zu schlagen. Eine Laune der Natur, laut der Ärzte war kein offensichtlicher Grund erkennbar. Und obwohl es mein Hirn verstehen kann, stellt mein Herz immer wieder die Frage nach dem Warum.  Die Trauer kommt und geht wie sie Lust hat, da habe ich kein Mitspracherecht.

Kurz nach meinem Besuch im Buchladen, beginne ich damit, Gegen alle Regeln zu lesen. Es ist ein Roman und gleichzeitig das Selbstportrait der New Yorker Journalistin Ariel Levy, die auf einer Recherchereise in der Mongolei eine Fehlgeburt im fünften Schwangerschaftsmonat erleidet. Unterteilt ist der Roman in drei Teile, welche die Zeit vor, während und nach Ariels Verlust beschreiben. Zu Beginn des Buches erzählt Ariel von den Anfängen ihrer Karriere, ihrem unkonventionellen Elternhaus, dem Kennenlernen ihrer zukünftigen Ehefrau Lucy und ihrer tiefen Liebe zum Schreiben. Doch mit der Zeit bekommt das gemeinsame, so sehr gewünschte und fein justierte Leben von Lucy und Ariel Risse. Geheimnisse, Selbstzweifel, Unzufriedenheit, Egoismus und die Erkenntnis, dass die Ansprüche an das eigene Leben die Realität übersteigen, drohen die Beziehung der beiden Frauen zerbrechen zu lassen. Auf einer Reise nach Griechenland beschließen Lucy und Ariel gemeinsam ein Kind zu bekommen.

„Im magischen Licht von Athen erschienen Lucy und ich uns gegenseitig wie bessere Menschen – nicht heuchlerisch, nicht betrunken, sondern gut. (…) Wir hatten unsere Ehe zerstört und wieder gekittet, jetzt, so beschlossen wir, waren wir stabil. Unsere Ehe würde Bestand haben. Endlich besaß ich die Befähigung, Mutter zu sein. Ich war siebenunddreißig.“


Mit der Hilfe eines befreundeten Samenspenders wird Ariel kurze Zeit später schwanger. Sie ist von ihren Glücksgefühlen überwältigt. Als sie das Angebot für eine Recherchereise in die Mongolei erreicht, willigt sie ein. Noch ein letztes Mal, bevor ihr Kind auf die Welt kommen wird, möchte Ariel eine große Auslandsreportage schreiben. Vorort erleidet sie eine Fehlgeburt. Ganz allein, fernab von allem was ihr vertraut ist, bringt Ariel ihr Kind im Bad eines Hotelzimmers zur Welt. Das Kind ist nicht lebensfähig und verstirbt kurze Zeit später. Was Ariel danach beschreibt, ist eine Gefühls- und Gedankenwelt voller Verzweiflung und tiefer Trauer.

„Die Trauer schien aus jeder Öffnung meines Körpers zu sickern. Unvermittelt packten mich heftige Weinkrämpfe – ob im Bett, im Supermarkt oder in der U-Bahn. (…) Durfte ich mein Sohn sagen? (…) Die Zeit blieb stehen. (…) Es gab keinen Entbindungstermin mehr, auf den ich wartete, oft aber beschäftigte ich mich zwanghaft mit einem zerstörerischen Rechenspiel: Vor sieben Tagen lebte er noch. Vor fünfzehn Tagen sah ich ihn im Ultraschall, wie er sich bewegte.“

Vermutlich können sich viele Frauen mit Gedanken wie diesen identifizieren, die je die Erfahrung einer oder gar mehrerer Fehlgeburten machen mussten. Ariel Levys Geschichte berührt. Sie macht furchtbar traurig und spendet gleichzeitig Trost. Und wenn es etwas ist, was mir dieses Buch mitgegeben hat, dann ist es das wichtige Gefühl, mit der eigenen Geschichte nicht allein zu sein und dass die Versöhnung mit dem eigenen Leben irgendwann möglich sein kann.

Das Buch Gegen alle Regeln von Ariel Levy ist im Verlag Droemer Knaur erschienen.

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Bei dieser Rezension handelt es sich um eine persönliche Empfehlung, der keine Kooperation mit dem Verlag zugrunde lag. Aufgrund von Markennennungen (Buch & Verlag) ist dieser Beitrag dennoch als unbeauftragte und unbezahlte Werbung gekennzeichnet.

 

 

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