Dankbarkeit: Zeit für ein Tagebuch

In Zeiten von Trauer kann es oft sehr schwer fallen die Menschen, Momente und Dinge wertzuschätzen, die normalerweise dafür sorgen, dass das Leben ziemlich schön sein kann. In meinem Gespräch mit Isabel Peter erzählte sie mir von einem Ritual, mit dem sie begonnen hatte nachdem ihre kleine Schwester Valentina an Krebs verstorben war: Isabel fertigte ein Dankbarkeitstagebuch an, in das sie täglich fünf Dinge schrieb, für die sie dankbar war – trotz ihres Verlustes. Heute benötigt sie dafür keinen Stift und kein Papier mehr, sie hat das Dankbarkeitsprinzip verinnerlicht.

Wenn es um das Schreiben von Tagebüchern geht, in denen man täglich die Ereignisse der letzten 24 Stunden Revue passieren lässt, halten sich meine bisherigen Erfolgserlebnisse in Grenzen. Es fehlte mir oft einfach die Zeit, vor allem aber die Lust. Der Idee, selbst ein Dankbarkeitstagebuch zu führen, um meiner eigenen Trauer zu begegnen, stand ich zunächst etwas kritisch gegenüber. Ich fragte mich, ob sich diese Aufgabe nicht schon bald zu einer lästigen Pflicht entwickeln würde. Eine Verpflichtung zur Dankbarkeit – auch wenn es an vielen traurigen Tagen partout nichts zum „Danke sagen“ gab? Bevor ich letztendlich damit begann, ein Dankbarkeitstagebuch zu schreiben, verging viel Zeit. Nach einigen Versuchen stellte ich fest: Das klappt ja doch ganz gut! Ich nahm mir ein kleines Notizheft zur Hand und fand bald meinen eigenen Rhythmus. Am Ende jeder Woche hatte ich um die fünf bis sechs Dinge aufgeschrieben, für die ich dankbar war.

Mittlerweile kann ich eine Zwischenbilanz zum Thema Dankbarkeitstagebuch ziehen: Es ist eine schöne Übung, um das Bewusstsein für das Gute im eigenen Leben zu stärken  – auch wenn es an manchen Tagen so scheint, als hätte sich das Gute auf unbestimmte Zeit in die Ferien verabschiedet. In welchem Rhythmus & über welchen Zeitraum das Tagebuch geführt wird, wie viele Einträge es haben soll und ob es per Hand, Computer, Handy oder gar Schreibmaschine geschrieben wird, ist ganz individuell. Ein Dankbarkeitstagebuch zu schreiben heißt keinesfalls Negatives zu verdrängen. Wer den Verlust eines geliebten Menschen erlebt hat, weiß wie raumgreifend Trauer sein kann und wie schwer es ihre Präsenz macht, den Blick für das Positive offen zu halten. Im Folgenden findet ihr zur Inspiration die letzten fünf bebilderten Einträge meines Dankbarkeitstagebuches. Zukünftig möchte ich dieses Tagebuch aus dem „stillen Kämmerlein“ auf den Blog verlagern und es fortführen.

Ich bin dankbar…


1.) …für die Sonne, die ich diesen Sommer häufig angebetet habe – auch wenn meine Hautfarbe eine andere Geschichte erzählt – und dankbar dafür, dass ich im Gegensatz zu dieser sonnenbadenden Schildkröte meine Wohnung nicht ständig mit mir herumtragen muss. Das würde mein Rücken wohl auf Dauer nicht mitmachen.

2.) …für Pfirsichmarmelade, die vom Baum direkt ins Glas gefallen ist, dankbar für meine Mutter, die damit ein Stück Sommer für Schlechtwettertage konserviert hat und dankbar für den alten Obstbaum, der diesen Sommer so gar nicht mit Pfirsichen gegeizt hat.

3.) …für meine Freundin Anna, die mir mit Mariana Lekys Roman „Was man von hier aus sehen kann“ ein wertvolles Geschenk gemacht hat, das genau zum richtigen Zeitpunkt kam und immer noch nachhallt.

4.) …für meine Ersatzbrille, die dafür sorgt, dass ich Menschen, Wörter, Stoppschilder und meine Füße wieder deutlich erkennen kann, nachdem einer dieser Füße zur falschen Zeit am falschen Ort war und meine eigentliche Brille dem Erdboden gleichgemacht hat.

5.) …für eine Reise nach Portugal, deren Sonnenuntergänge jeden Urlaubspostkartenmotivfotografen dazu veranlasst hätten, hektisch zum Fotoapparat zu greifen. Ich bin dankbar für kaputtgelaufene Füße, die Existenz von Pflastern und die Erkenntnis, dass sich in Salzwasser eingelegte Lupinenkerne ziemlich gut zum „Aufs Wasser schauen und was Leckeres schnabulieren“ eignen. In Portugal werden sie anscheinend gern als kleine Appetitanreger vor der Hauptspeise gegessen.

______________________________________________________
Da Marken erkennbar sind, ist dieser Beitrag als Werbung gekennzeichnet.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.