Thema Fehlgeburt: Du warst so groß wie eine Zitrone


In diesem Beitrag möchte ich meine persönliche Geschichte in Form eines Briefes teilen. Das Erlebte hat mich dazu bewegt diesen Blog zu schreiben.

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Du warst so groß wie eine Zitrone, als mir die Ärztin sagte, dass du nicht mehr lebst. Danach rauschte es nur noch in meinen Ohren, meine Brust schmerzte. Ich verspürte kurzzeitig das Bedürfnis aufzustehen und zu gehen. Stattdessen lag ich einfach nur da und konnte diesen Körper, der doch eigentlich meiner war, nicht mehr bewegen. Alles an ihm wurde unheimlich schwer und sank in das Polster der Behandlungsliege ein. Ich denke noch heute sind auf der Liege meine Abdrücke zu sehen. Vermutlich ähneln sie in ihrer Intensität jenen Abdrücken, die alte Möbelstücke im Teppich hinterlassen, wenn sie jahrelang nicht verschoben worden sind.

Mit angestrengtem Blick schaute die Ärztin immer wieder auf den großen Bildschirm und bewegte den Kopf des Ultraschallgerätes über meinen Bauch. Mehrmals setzte sie neu an und rüttelte am Gerät, so als hoffte sie, es handle sich um einen technischen Defekt und sie könne die soeben übermittelte Nachricht noch irgendwie korrigieren. „Es tut mir sehr leid, aber ich kann den Herzschlag ihres Kindes nicht hören.“ Ein Satz, der seit diesem Tag in meinem Kopf klebt:

Ich – kann – den – Herzschlag – nicht – hören.

Die Arzthelferin nahm meinen Arm und sagte es würde alles wieder gut werden. Sie meinte es nett, das weiß ich. Doch das Gute hatte sich in diesem Moment für eine sehr lange Zeit verabschiedet, auch das wusste ich sofort. Nichts konnte etwas daran ändern, dass du nicht mehr lebendig warst – nicht mehr lebendig bist.

Noch heute, wenn ich an der Praxis vorbeilaufe, fühlt sich mein Brustkorb so an, als hätte jemand Zement hineingegossen. Ich muss daran denken, wie sorg- und ahnungslos dein Papa und ich vor dem letzten Untersuchungstermin im Wartezimmer saßen, rumgealbert haben und eine Einkaufsliste fürs Abendbrot auf einen alten Kassenzettel geschrieben haben. Ich muss an den Tag denken, an dem ich von dir erfahren habe und was das für ein Gefühlschaos mit sich brachte. Dein Papa und ich haben uns damals angeschaut und gedacht, dass wir für so eine große Mission nicht bereit sind. Wir haben uns schief angelächelt und konnten die Freude, aber auch die Panik in den Augen des jeweils anderen lesen.

Ich muss daran denken, wie ich ständig Durst auf Sprudelwasser hatte, Bratkartoffeln zum Frühstück gegessen habe und mir jeden Morgen über meine kleine Bauchwölbung gestrichen habe, während wir einen kurzen Schnack gehalten haben. Meistens hatte ich das Wort. Ich muss daran denken, wie ich dich zum ersten Mal so richtig im Ultraschall gesehen habe. Du hast dich bewegt, mit der Nabelschnur gespielt und dein kleines Herz hat unheimlich schnell und laut geschlagen. Für einen kurzen Moment hielt ich es für mein eigenes Herz, das vor lauter Aufregung fast davon zu galoppierten drohte. Als ich realisierte, dass es dein Herzschlag war, stand die Zeit kurz still. Binnen weniger Sekunden hast du so viel Wärme und Liebe in mir ausgebreitet. Ein paar Tränen bahnten sich ihren Weg nach draußen – Ich konnte sie nicht abhalten, obwohl ich doch sonst immer so gut darin gewesen war, meine Gefühle zu verstecken.

Ich muss daran denken, wie ich an diesem einen bestimmten Tag aus der Frauenarztpraxis heraus gestolpert bin, auf der Straße stand und so sehr geweint habe, dass ich dachte, ich würde nie wieder damit aufhören können. Ich muss daran denken, wie ich nach der OP im Krankenhaus aufgewacht bin, in einem Körper der mir nur noch fremd schien, denn du warst nicht mehr darin. Ich muss daran denken, wie du beerdigt wurdest und dein Papa und ich Sonnenblumen an dein Grab gelegt haben.

Ich hoffe sie haben dir gefallen.

Seit du nicht mehr da bist ist mein Leben anders. Es ist kein schlechtes Leben, aber es ist ein Leben, in dem du fehlst. Es ist ein Leben, in dem ich zum ersten Mal wirklich begriffen habe, wie es sich anfühlt, wenn etwas nicht verhandelbar ist, endgültig. Nach deinem Tod lag ich oft nächtelang wach und fragte mich, wie ich es rückgängig machen könnte. Wer oder was hatte dafür gesorgt, dass unser gemeinsames Leben nicht stattfinden sollte? Hatte ich möglicherweise etwas falsch gemacht? Die Trauer drohte mich zu verschlingen, ich schob vor alles einen Riegel was ich liebte. Ich war gemein zu deinem Papa, obwohl das so gar nicht meine Art ist, machte ihm Vorwürfe und konnte seine Nähe nicht ertragen. Wie konnte er es einfach hinnehmen, dass du nicht mehr bei uns warst?

Natürlich hat er es nicht einfach hingenommen. Er hat all seine Kraft und Energie gebündelt und sich selbst zurückgenommen, damit ich um dich trauern konnte. Das weiß ich jetzt. Er war für mich da, als mich die Hoffnungslosigkeit übermannt hat und ist es noch. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Deinen Papa liebe ich heute mehr als je zuvor. Ich wünschte ihr hättet euch kennengelernt.

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