Eine Busfahrt mit Kurt

 

Ich sitze im Reisebus Richtung Berlin und auf meinem Schoss liegt Kurt. Wer nun denkt, bei Kurt handle es sich um einen erschöpften Sitznachbarn, der irrt. Kurt ist der neue Roman von Sarah Kuttner, der Mitte März im S. Fischer Verlag erschienen ist und sich dem Thema Trauer widmet.
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Eben habe ich die letzte Seite von Kurt gelesen. Ich klappe das Buch zu und merke wie meine Augen wässrig werden. Innerlich ermahne ich mich jetzt bloß nicht loszuheulen. Schließlich sitze ich in einem Bus aus dem ich nicht so einfach entkommen kann. Ich wühle in meinem Rucksack nach Taschentüchern und finde natürlich keine. Dann heißt es wohl schniefen und hochziehen.

Während ich gerade denke, dass meine Tränenflüssigkeit ein echtes Autoritätsproblem hat und ich heute glücklicherweise keine Wimperntusche benutzt habe, spricht  mich plötzlich meine Sitznachbarin an: „Alles in Ordnung bei dir?“ Ich erschrecke kurz und schaue in ihr besorgtes Gesicht. Spontan verspüre ich eine Mischung aus zarter Zuneigung und Bewunderung für diese fremde Frau.

Wenn in meiner direkten Umgebung jemand weint, fühle ich mich in der Regel eher hilflos und vergesse auch gut und gerne meinen gesamten Wortschatz. Ich benehme mich dann oft wie ein apathisch glotzender, auf der Stelle schwimmender Fisch, der mit seinem Mund zwar Blubber-Bewegungen macht, aber unterm Strich keine sinnvollen Laute hervorbringt.

Menschen, die die Tränen anderer nicht scheuen, finde ich verdammt gut. Trotz der aufmerksamen Nachfrage meiner Sitznachbarin fühle ich mich peinlich berührt und antworte recht zurückhaltend: „Danke, es geht schon. Das Buch hat mich echt traurig gemacht.“ Sie lächelt und schaut mich mit einem dieser wissenden Blicke an, der mir sagt, dass es völlig ok ist zu weinen und mir das überhaupt nicht peinlich sein muss.

Es sind viele Passagen im Roman die mich berührt haben. Doch der Reihe nach.
In Kurt geht es um Folgendes:

Lena und ihr Freund Kurt haben gemeinsam ein Haus gekauft. Raus aus der Großstadt Berlin, rein ins mehr oder weniger rustikal-charmante Brandenburg. Sie Journalistin, er Mitarbeiter in einer Werbeagentur. Aus einer vorherigen Beziehung hat Kurt einen kleinen Sohn, der ebenfalls den Namen Kurt trägt. Abwechselnd im Wochentakt wohnt der kleine Kurt bei seiner Mutter Jana und bei Lena und Kurt. Mit ihrem Haus kurz vor Oranienburg will das Paar in erster Linie ein Zuhause für den kleinen Kurt, aber auch eines für sich selbst schaffen. Einen Ort, der nicht nur Zuhause heißt, sondern sich auch danach anfühlt.

Es fällt schwer diese Patchwork-Familie nicht zu mögen: Der kleine Kurt, der ziemlich neugierig und mindestens genauso begeisterungsfähig ist, wie sein Papa. Und Lena und Kurt – die ihren Kaffee am liebsten ziemlich süß und mit einer guten Portion Kaffeesahne trinken; die zusammen netflixen und über neue Bodenfliesen fürs Bad diskutieren; die sich wochenlang ein kleines Duschhandtuch teilen, weil das Auspacken der Handtücher aus den Umzugskartons keine Priorität hat und „Sturmfrei-Sex“ haben, wenn der kleine Kurt ein paar Tage bei seiner Mutter Jana verbringt.

Alles scheint sich so langsam in Brandenburg einzuspielen und dann geschieht es:

Ganz plötzlich stirbt der kleine Kurt.

Es passiert und niemanden trifft irgendeine Schuld.

Von seiner Trauer überwältigt sucht Kurt die Nähe zu Kurts Mutter Jana. Während Lena zaghafte Annäherungsversuche unternimmt, nach den richtigen Worten sucht und Kurt Raum gibt, schließt sich dieser in seiner Trauer ein.

Lena: „Ich kann Kurts Decke nicht heben. Ich habe es versucht. Wir liegen nicht unter derselben. Unter meiner tastet meine Hand immer wieder zu seiner Decke rüber, eine Öffnung suchend.
Aber Kurts Decke (…) ist vollkommen dicht. Auf allen Seiten.“
Sarah Kuttner, „Kurt“,  S. 91  

Neben all der Sorge um ihren Kurt fühlt sich Lena hilflos und ausgeschlossen. Und dann ist da natürlich noch Lenas eigene Trauer und die Frage: Darf ich eigentlich auch trauern, obwohl Kurt nicht mein eigenes Kind war? Und wenn ja: Gibt es ein Art Barometer, wie viel und wie offen ich trauern darf?

Während wir mit dem Bus im Stau stehen, denke ich mir, dass mich besonders die lebensnahen Charaktere in Kurt berührt haben. Sie könnten ganz ähnlich auch in unserer Welt existieren – in irgendeinem Dorf in Brandenburg, in einer Großstadt wie Berlin oder eben ganz woanders. Mit viel Augenmaß beschreibt Sarah Kuttner die Figuren Kurt und Lena, ihre Liebe füreinander, ihren Schmerz und ihre Unsicherheit.

Eine der schönsten Erkenntnisse aus Kurt ist für mich, dass es für Trauer kein Patentrezept gibt und selbst in der dunkelsten Stunde immer auch Liebe existiert. Liebe, die geduldig darauf wartet, gespürt und zugelassen zu werden und auch nicht böse ist, wenn es gerade einfach (noch) nicht geht. Auf eine angenehm unaufgeregte Art vermittelt der Roman, dass es sind nicht immer die vielen und großen Worte sein müssen, um einem trauernden Menschen zu zeigen: Ich sehe dich und bin für dich da.

Als wir in Berlin ankommen ist mein Herz immer noch voll mit Kurt, aber schon wesentlich leichter. Ich verabschiede mich von meiner nicht mehr ganz so fremden Sitznachbarin. Wenn ich in ein paar Tagen wieder mit dem Bus zurück nach Halle fahre, befindet sich ja möglicherweise auch jemand im Bus, der gerade Kurt liest. Vielleicht sogar mein Sitznachbar. Mathematisch gesehen ist das natürlich ziemlich unwahrscheinlich. Sollte dem doch so sein, weiß ich jetzt, dass es nicht unbedingt immer ein „Alles in Ordnung bei dir?“ sein muss. Manchmal hilft auch schon ein verständnisvoller Blick oder ein Lächeln.

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Bei dieser Rezension handelt es sich um eine persönliche, unaufgeforderte und unbezahlte Empfehlung. Das Buch habe ich selbst gekauft. Alle im Beitrag genannten Produkte, Marken/Unternehmen, Orte und Personen sowie gesetzte Links beruhen auf meiner persönlichen Auswahl und Entscheidung. Aufgrund der aktuellen Rechtslage kennzeichne ich diesen Beitrag dennoch als unbeauftragte und unbezahlte Werbung.

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